1. Einleitung
2. Das weltweite Kapital
3. Die formelle und die reale Demokratie
4. Der humanistische Standpunkt
5. Vom naiven zum bewussten Humanismus
6. Der antihumanistische Bereich
7. Die humanistischen Aktionsfronten
1. Einleitung
Die Humanisten sind Männer und Frauen dieses Jahrhunderts, dieser Epoche. Sie
erkennen den historischen Humanismus als Vorläufer an und lassen sich von den Beiträgen
verschiedenster Kulturen inspirieren, nicht nur von den Kulturen, die in diesem Augenblick
eine zentrale Rolle spielen. Sie sind überdies Frauen und Männer, die dieses
Jahrhundert, dieses Jahrtausend hinter sich lassen und sich in eine neue Welt projizieren.
Die Humanisten spüren, dass sie eine lange Geschichte hinter sich und eine noch weiter
reichende Zukunft vor sich haben. Sie denken an die Zukunft, indem sie für die
Überwindung der gegenwärtigen globalen Krise kämpfen. Sie sind Optimisten, die an die
Freiheit und an den sozialen Fortschritt glauben. Die Humanisten sind Internationalisten:
Sie streben eine universelle menschliche Nation an. Sie haben ein globales Verständnis
der Welt, in der sie leben, während sie in ihrem direkten Umfeld handeln. Sie wünschen
sich keine uniforme Welt, sondern eine vielfältige Welt: vielfältig in den ethnischen
Gruppen, den Sprachen und den Sitten; vielfältig in den örtlichen Gegebenheiten, den
Regionen und den Selbstverwaltungsgebieten; vielfältig in den Ideen und in den
Bestrebungen; vielfältig in den Weltanschauungen, im Atheismus und in der Religiosität;
vielfältig in der Arbeit; vielfältig in der Kreativität. Die Humanisten wollen keine
Herren, sie wollen keine Führer, sie wollen keine Bosse. Ebensowenig fühlen sie sich als
Vertreter oder Bosse von irgend jemandem. Die Humanisten wollen weder einen
zentralistischen Staat noch einen Parallel-Staat, der diesen ersetzt. Die Humanisten
wollen weder Polizeiheere noch bewaffnete Banden, die an deren Stelle treten. Aber
zwischen diesen humanistischen Bestrebungen einerseits und der Realität der heutigen Welt
andererseits ist eine Mauer entstanden. So ist der Augenblick gekommen, diese Mauer
niederzureissen, und dazu ist die Vereinigung aller Humanisten dieser Welt notwendig.
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2. Das weltweite Kapital
Die grosse universelle Wahrheit ist folgende: Das Geld ist alles. Das Geld ist
Regierung, ist Gesetz, ist Macht. Es ist überhaupt Lebensgrundlage. Aber überdies ist es
die Kunst, die Philosophie und die Religion. Ohne Geld geht gar nichts. Nichts lässt sich
ohne Geld machen. Es gibt keine persönlichen Beziehungen ohne Geld, keine Intimität ohne
Geld, und selbst das müssige Alleinsein hängt vom Geld ab.
Aber der Umgang mit dieser "universellen Wahrheit" ist widersprüchlich. Denn
die Mehrheit der Leute möchte diesen Stand der Dinge nicht. So sind wir der Tyrannei des
Geldes unterworfen - einer Tyrannei, die keineswegs abstrakt ist, da sie durchaus
konkrete Namen, Repräsentanten, ausführende Organe und ganz bestimmte Vorgehensweisen
aufweist.
Es handelt sich heutzutage nicht um feudale Wirtschaftsformen, nicht um nationale
Industrien, ja nicht einmal um Interessen von regionalen Gruppen. Vielmehr müssen diese
historischen Überbleibsel heute ihre Nische dem Diktat des internationalen Finanzkapitals
unterordnen. Einem Kapital, das sich weltweit zu Spekulationszwecken konzentriert. Auf
diese Weise überlebt sogar der Nationalstaat selbst nicht mehr ohne Kredite und Darlehen.
Alle betteln um Investitionen und geben Garantien, damit die Banken die endgültige
Entscheidung haben. Es ist nicht schwer vorauszusehen, dass sogar die Unternehmen selbst,
die Städte und die Landflächen unumstösslich das Eigentum der Banken sein werden. So
bewegen wir uns weiter auf einen Parallel-Staat zu, in dem die althergebrachte Ordnung
aufgehoben werden soll.
Gleichzeitig verschwindet die alte Solidarität. Das soziale Geflecht löst sich auf,
und infolgedessen entwickelt sich eine Gesellschaft mit Millionen isolierter Menschen, die
untereinander Gleichgültigkeit empfinden, obwohl sie doch der gleichen allgemeinen Not
ausgesetzt sind. Das Grosskapital beherrscht durch die Kontrolle über die
Produktionsmittel die objektiven Bedingungen und mittels der Kontrolle über die
Kommunikations- und Informationsmittel auch die Subjektivität eines jeden einzelnen.
Unter diesen Umständen kann das Kapital über die materiellen und sozialen Ressourcen
weitgehend ohne Einschränkung verfügen, selbst wenn dabei die Natur unwiederbringlich
zerstört und der Mensch Stück für Stück beiseite geschoben wird. Dem Grosskapital ist
es möglich, sich zu diesem Zweck aller technologischen Mittel zu bedienen. Und ebenso,
wie es die Staaten und Unternehmen als leere Hülsen zurückgelassen hat, hat es auch die
Wissenschaft ihres Sinnes entleert und zu einer reinen Technologie verwandelt, die zu
Zerstörung, Elend und Arbeitslosigkeit führt.
Die Humanisten können sich ausschweifende Argumentationen darüber ersparen, dass
heutzutage die technologischen Voraussetzungen genügen würden, um innerhalb kurzer Zeit
die Probleme wie Arbeitslosigkeit, Ernährung, Gesundheitsversorgung, Wohnsituation und
Ausbildung in weiten Teilen der Welt zu lösen. Und wenn diese Möglichkeiten nicht
genutzt werden, dann einfach deswegen, weil die monströse Spekulation des Grosskapitals
es verhindert.
Das Grosskapital hat die Etappe der Marktwirtschaft bereits hinter sich gelassen und
beginnt jetzt damit, die Gesellschaft zu disziplinieren, um sie auf das Chaos
vorzubereiten, das von ihm selbst erzeugt wurde. Angesichts dieser Irrationalität erheben
sich nicht die dialektischen Stimmen der Vernunft, sondern die dunkelsten Stimmen des
Rassismus, des Fundamentalismus und des Fanatismus. Und falls dieser Neo-Irrationalismus
einmal ganze Regionen und Menschengruppen leiten sollte, würde das den Handlungsspielraum
der progressiven Kräfte Tag für Tag weiter einschränken. Andererseits gibt es aber
schon Millionen von Arbeitenden, die sich über die Unsinnigkeit des staatlichen
Zentralismus genauso im klaren sind wie über die Verlogenheit der kapitalistischen
Demokratie. Und so geschieht es, dass sich die Arbeiter gegen ihre korrupten
Gewerkschaftsführer erheben, ebenso wie die Bevölkerung überall die jeweiligen Parteien
und Regierungen hinterfragt. Aber es ist notwendig, diesen Phänomenen eine Richtung zu
geben. Andernfalls werden sie sich auf spontane Handlungen ohne jeglichen Fortschritt
beschränken. Es ist notwendig, in der Bevölkerung die grundlegenden Themen der
Produktionsfaktoren zu diskutieren.
Die Humanisten betrachten als Produktionsfaktoren einerseits die Arbeit und
andererseits das Kapital. Spekulation und Wucher sind überflüssig. In der gegenwärtigen
Situation kämpfen die Humanisten dafür, dass die absurde Beziehung zwischen den beiden
Produktionsfaktoren von Grund auf verändert wird. Bis heute hat sich durchgesetzt, dass
der Gewinn dem Kapital und der Lohn den Arbeitenden zusteht. Dieses Ungleichgewicht wird
mit dem Argument gerechtfertigt, dass mit der Investition das Risiko verbunden sei - so
als ob ein Arbeitender im Auf und Ab der Krisen und der damit verbundenen Gefahr der
Arbeitslosigkeit nicht ebenso seine gegenwärtige und zukünftige Existenz aufs Spiel
setzen würde. Es geht also auch darum, wer die Geschäftsleitung und Geschäftsführung
des Unternehmens innehat. Der Gewinn, der nicht wieder in das Unternehmen investiert wird,
um seine Expansion oder Diversifikation voranzutreiben, mündet in die Finanzspekulation.
Der Gewinn, der keine neuen Arbeitsplätze schafft, fliesst in die Finanzspekulation.
Deshalb muss der Kampf der Arbeitenden darauf ausgerichtet sein, das Kapital zu seiner
höchsten produktiven Rendite zu zwingen. Das wird sich jedoch so lange nicht
verwirklichen lassen, wie nicht beide Produktionsfaktoren an der Geschäftsleitung und
Geschäftsführung beteiligt sind. Wie sonst können Massenentlassungen,
Betriebsschliessungen und rücksichtslose Rationalisierungen verhindert werden? Das
Problem ist nicht der Gewinn, der sich als Konsequenz eines Produktivitätszuwachses
einstellt. Das wirkliche Übel liegt in der Subinvestition, dem betrügerischen Bankrott,
der Zwangsverschuldung und der Kapitalflucht. Und wollte man den Lehren des XIX.
Jahrhunderts folgen und die Enteignung der Produktionsmittel durch die Arbeitenden
fordern, sollte man auch das jüngste Scheitern des realen Sozialismus in Betracht ziehen.
Bezüglich des Einwands, dass, wenn das Kapital bestimmten Rahmenbedingungen
unterworfen würde (so wie auch die Arbeit bestimmten Rahmenbedingungen unterworfen ist),
dies zu seiner Abwanderung in gewinnbringendere Regionen führen würde, ist zu sagen,
dass dies nicht mehr lange geschehen wird. Die Irrationalität des gegenwärtigen Modells
führt nämlich zu seiner eigenen Sättigung und damit zu seinem weltweiten Zusammenbruch.
Neben der Rechtfertigung einer radikalen Unmoral zeigt dieser Einwand, dass er den
historischen Prozess des Kapitaltransfers zu den Banken missachtet. Am Ende dieses
Prozesses wird der Unternehmer selbst zu einem Angestellten ohne Entscheidungsgewalt
innerhalb einer Kette, in der er nur scheinbar immer noch selbständig entscheidet.
Andererseits werden die Unternehmer angesichts der sich verschärfenden Rezession selbst
anfangen, sich über diese Zusammenhänge Gedanken zu machen.
Die Humanisten empfinden die Notwendigkeit, ihren Einsatz vom Bereich der Arbeit auf den
politischen Bereich auszudehnen, um zu verhindern, dass der Staat zu einem Werkzeug des
internationalen Finanzkapitals wird, um eine gleichberechtigte Beziehung zwischen den
Produktionsfaktoren zu erreichen und der Gesellschaft ihre geraubte Selbständigkeit
zurückzugeben.
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3. Die formelle Demokratie und die reale Demokratie
Das Gebäude der Demokratie hat ernsthaften Schaden erlitten. Sein Fundament hat
Risse bekommen. Seine drei grossen Stützpfeiler - die Gewaltenteilung, die
Repräsentativität und die Achtung der Minderheiten - tragen es weniger denn je.
Die Gewaltenteilung hat nur in der Theorie Bestand. In der Praxis ist sie ein Widerspruch
in sich. Es reicht aus, den Ursprung und die Zusammensetzung der einzelnen Komponenten zu
untersuchen, um festzustellen, dass sie eng miteinander verwoben sind. Das kann auch gar
nicht anders sein, da sie ein und demselben System angehören. So entsprechen die häufig
auftretenden Konflikte wie Korruption, Ämterhäufung bzw. Überschneidung von Funktionen,
Unregelmässigkeiten und Skandale der allgemeinen politischen und wirtschaftlichen
Situation eines gegebenen Landes.
Was die Repräsentativität angeht, so ging man seit der Einführung des allgemeinen
Wahlrechts davon aus, dass sich ein einziger Vorgang zwischen der Wahl und dem
Mandatsabschluss der Volksvertreter abspielt. Aber mit der Zeit wurde deutlich, dass hier
zwei voneinander unabhängige Vorgänge ablaufen: ein erster, in dem sehr viele einige
wenige wählen, und ein zweiter, davon getrennter, in dem diese wenigen die vielen
verraten, indem diese Mandatsträger mandatsferne Interessen vertreten. Die Wurzel dieses
Übels liegt schon in den politischen Parteien, die nur noch aus Parteiführung und
Spitzenpolitikern bestehen, die von den Bedürfnissen des Volkes weit entfernt sind. In
der Parteimaschinerie finanziert die Lobby die Kandidaten und bestimmt deren politischen
Kurs. All das zeigt eine tiefe Krise im Konzept und in der Verwirklichung der
Repräsentativität.
Die Humanisten kämpfen für ein neues Modell der Repräsentativität, in dem
Volksbefragungen, Volksentscheide und die Direktwahl von Kandidaten höchste Bedeutung
besitzen. Tatsächlich existieren in zahlreichen Ländern noch Gesetze, durch die
unabhängige Kandidaten gegenüber den politischen Parteien benachteiligt werden oder
ihnen durch fadenscheinige Vorwände oder finanzielle Auflagen erschweren, sich der Wahl
durch das Volk zu stellen. Verfassungen oder Gesetze, die sich dem aktiven oder passiven
Wahlrecht der Bürger widersetzen, hintergehen die Wurzeln der realen Demokratie, die
eigentlich über jeder gesetzlichen Regelung stehen sollte. Und wenn es darum geht, die
Gleichheit der Möglichkeiten zu verwirklichen, müssen sich die Medien während der
Wahlperioden in den Dienst der Bevölkerung stellen und allen Kandidaten die gleichen
Möglichkeiten einräumen, ihre Vorschläge vorzustellen. Ausserdem müssen Gesetze zur
politischen Verantwortlichkeit eingeführt werden, aufgrund derer jeder gewählte
Repräsentant, der seine Wahlversprechen nicht einhält, den Verlust seiner Immunität,
seine Absetzung oder ein politisches Gerichtsverfahren riskiert. Denn die andere,
augenblicklich praktizierte Variante, in der die Individuen oder Parteien, die ihre
Wahlversprechen nicht einhalten, bei den nächsten Wahlen einen Denkzettel erhalten,
verhindert in keiner Weise den beschriebenen zweiten Vorgang des Verrats an den Wählern.
Hinsichtlich direkter Befragungen zu dringenden Themen gibt es tagtäglich mehr technische
Möglichkeiten für ihre Umsetzung. Wir beziehen uns dabei nicht auf manipulierte
Meinungsumfragen, sondern darauf, mittels hochmoderner, elektronischer und
computergesteuerter Mittel die direkte Beteiligung und Stimmabgabe zu erleichtern.
In einer realen Demokratie muss die Repräsentativität der Minderheiten garantiert
sein. Darüber hinaus muss jedes Hilfsmittel genutzt werden, das ihre Eingliederung und
Entfaltung praktisch fördert. Heutzutage müssen die durch den Fremdenhass und die
Diskriminierung bedrängten Minderheiten ängstlich um ihre Anerkennung bitten. In diesem
Sinne liegt es in der Verantwortung aller Humanisten, diesem Thema Priorität einzuräumen
und überall dort, wo es notwendig ist, Front zu machen gegen offene oder verdeckte
neofaschistische Strömungen. Denn für die Rechte der Minderheiten zu kämpfen bedeutet,
für die Rechte aller Menschen zu kämpfen.
Genauso geschieht es beim Zusammenschluss von Provinzen, Regionen oder autonomen
Gebieten zu einem Land, wo einige von ihnen die gleiche Diskriminierung der Minderheiten
durch einen zentralistischen Staat erleiden, der heute ein unsensibles Instrument in den
Händen des Grosskapitals geworden ist. Um dem entgegenzuwirken, muss eine föderative
Organisation aufgebaut werden, bei der die reale politische Macht in die Hände
historischer und kultureller Körperschaften zurückgegeben wird.
Den Themen Kapital, Arbeit und reale Demokratie sowie dem Ziel Dezentralisierung des
Staatsapparates Priorität zu verleihen, bedeutet letzten Endes, den Weg des politischen
Kampfes zur Schaffung einer neuen Art von Gesellschaft einzuschlagen: einer flexiblen
Gesellschaft, die konstant in Veränderungen begriffen ist, entsprechend den dynamischen
Bedürfnissen der Völker, die heutzutage von der Abhängigkeit erstickt werden.
[nach oben]
4. Der humanistische Standpunkt
Bei ihrem Handeln lassen sich die Humanisten nicht von phantastischen Theorien
über Gott, die Natur, die Gesellschaft oder die Geschichte inspirieren. Hingegen gehen
sie von den grundlegenden Bedürfnissen des Lebens aus, sich vom Schmerz zu entfernen und
sich dem Wohlbefinden anzunähern. Diesen Bedürfnissen fügt das menschliche Leben die
Sorge um die Zukunft hinzu und stützt sich dabei sowohl auf Erfahrungswerte als auch auf
die Absicht, die gegenwärtige Situation zu verbessern. Die Erfahrung der Menschen ist
nicht einfach das Ergebnis natürlicher oder physiologischer Selektionen oder
Akkumulationen, wie es bei allen anderen Arten der Fall ist. Vielmehr ist es eine soziale
und persönliche Erfahrung, die darauf abzielt, gegenwärtigen Schmerz zu überwinden und
künftigem vorzubeugen. Seine in gesellschaftlichen Erzeugnissen angesammelte Arbeit wird
von Generation zu Generation weitergegeben, und zwar in einem ständigen Kampf zur
Verbesserung der natürlichen Bedingungen, selbst denen des eigenen Körpers. Deshalb muss
der Mensch als geschichtliches Wesen definiert werden, dessen Art des gesellschaftlichen
Handelns fähig ist, die Welt und seine eigene Natur zu verändern. Jedesmal, wenn sich
ein einzelner oder eine Gruppe gewaltsam anderer bemächtigt, verwandelt er bzw. sie die
Opfer in "natürliche Objekte" und hält damit die Geschichte auf. Die Natur
besitzt keine Absicht, und wer die Freiheit und Absicht anderer verneint, verwandelt sie
damit in natürliche Objekte, in Gebrauchsgegenstände.
Der langsame und stete Fortschritt der Menschheit verlangt nach der Verwandlung der
Natur und der Gesellschaft, indem die tierische und gewaltsame Bemächtigung des Menschen
durch den Menschen beendet wird. In diesem Moment wird die menschliche Vorgeschichte zu
einer wahrhaft menschlichen Geschichte werden. Bis dahin kann nur der Mensch selbst der
zentrale Wert sein - mit all dem, was er verwirklicht hat, mit all seiner Freiheit.
Deshalb proklamieren die Humanisten: «Nichts über dem Menschen und kein Mensch unter
einem anderen Menschen.» Sobald man Gott, den Staat, das Geld oder irgendeine andere
Wesenheit über den Menschen stellt, ordnet man ihn zwangsläufig diesem Wert unter und
schafft im gleichen Atemzug die Voraussetzung für seine spätere Kontrolle oder Opferung.
Für die Humanisten ist dieser Punkt klar. Es gibt gläubige und atheistische Humanisten.
Aber sie gehen keinesfalls von ihrem Glauben oder ihrem Atheismus aus, um ihre Sichtweise
der Welt und ihr Handeln zu begründen. Sie gehen vom Menschen und seinen unmittelbaren
Bedürfnissen aus. Und wenn sie beim Kampf um eine bessere Welt glauben, eine Absicht zu
entdecken, die die Geschichte in eine fortschrittliche Richtung lenkt, dann stellen sie
diesen Glauben oder diese Entdeckung in den Dienst des Menschen.
Die Humanisten greifen das Grundproblem auf: Zu wissen, ob man leben möchte, und zu
entscheiden, unter welchen Bedingungen man dies tun möchte.
Alle Formen körperlicher, wirtschaftlicher, rassistischer, religiöser, sexueller oder
ideologischer Gewalt, aufgrund derer der menschliche Fortschritt verhindert wurde, sind
den Humanisten zuwider. Die Humanisten klagen alle Formen von Diskriminierung an,
gleichgültig, ob diese latent sind oder offen zutage treten.
Die Humanisten sind nicht gewalttätig, aber vor allen Dingen sind sie keine Feiglinge.
Sie haben keine Angst, sich der Gewalt entgegenzustellen, denn ihre Handlung hat Sinn. Die
Humanisten verknüpfen ihr persönliches mit dem gesellschaftlichen Leben. Sie schaffen
keine falschen Gegensätze, und eben darin gründet sich ihre Kohärenz.
So ziehen wir eine klare Linie zwischen dem Humanismus und dem Anti-Humanismus. Der
Humanismus stellt die Arbeit über das Grosskapital, die reale Demokratie über die
formelle Demokratie, die Dezentralisierung über die Zentralisierung und die
Nicht-Diskriminierung über die Diskriminierung. Er stellt die Freiheit über die
Unterdrückung und den Lebenssinn über die Resignation, über die Mitläuferei und über
das Absurde.
Da sich der Humanismus auf der Wahlfreiheit gründet, besitzt er so die einzig gültige
Ethik für den gegenwärtigen Moment. Aus diesem Grund und weil er an die Absicht und an
die Freiheit glaubt, unterscheidet er zwischen dem Fehler und der Verlogenheit, zwischen
dem, der sich irrt, und dem Verräter.
[nach oben]
5. Vom naiven Humanismus zum bewussten Humanismus
Der Humanismus muss den simplen Protest in eine bewusste Kraft verwandeln, die
eine Veränderung der Wirtschaftsstruktur vor Augen hat. Diese Kraft muss sich in der
sozialen Basis, an den Arbeitsplätzen und den Wohnorten, organisieren.
Was die engagierten Mitglieder der Gewerkschaften und der progressiven politischen
Parteien betrifft, so wird ihr Kampf in dem Masse an Zusammenhang und Sinn gewinnen, in
dem sie sich dafür einsetzen, die Führungsebenen ihrer Organisationen zu verändern und
diesen eine Orientierung zu geben, die an oberster Stelle und noch vor den unmittelbaren
Forderungen die Grundforderung des Humanismus stellt.
Bei breiten Schichten von Studenten und Dozenten, die normalerweise sensibel für jede
Form von Ungerechtigkeit sind, wird der Wille zur Veränderung in dem Masse zunehmen, in
dem die allgemeine Krise des Systems sie betrifft. Und sicherlich sind die Vertreter der
Presse, die in direktem Kontakt mit der täglichen Tragödie stehen, heute in der Lage, in
eine humanistische Richtung zu handeln. Das gilt ebenso für breite Schichten von
Intellektuellen, deren Wirken im Widerspruch zu den von diesem unmenschlichen System
propagierten Richtlinien steht.
Viele Haltungen sind sich der Tatsache des menschlichen Leidens bewusst und fordern zum
uneigennützigen Handeln zugunsten der Entrechteten und Diskriminierten auf.
Vereinigungen, aktive Mitglieder unterschiedlichster Gruppierungen und grosse Teile der
Bevölkerung setzen sich sporadisch in Bewegung und leisten einen positiven Beitrag, unter
anderem, indem sie diese Probleme kritisieren. Diese Gruppierungen haben jedoch keinen
Vorschlag zur Veränderung der Strukturen, die dieses Übel zu verantworten haben. So
betrachtet sind diese Haltungen eher als humanitäre Bemühungen denn als Handlungen eines
bewussten Humanismus einzuordnen. In ihnen finden sich Protestformen und punktuelle
Aktionen, die vertieft und ausgedehnt werden können.
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6. Der antihumanistische Bereich
Je mehr die Macht des Grosskapitals die Völker unterdrückt, desto stärker
lassen sich inkohärente Haltungen beobachten, die das Unbehagen der Bevölkerung
ausnutzen und es in Richtung vorgeschobener Schuldiger kanalisieren. Diesen
neofaschistischen Haltungen liegt eine tiefe Ablehnung der menschlichen Werte zugrunde.
Auch im Falle einiger fehlgeleiteter ökologischer Strömungen wird die Natur über den
Menschen gestellt. Und so legen sie nicht etwa dar, dass die ökologische Katastrophe eben
deshalb so schwerwiegend ist, weil sie das Leben der Menschen in Gefahr bringt, sondern
weil der Mensch gegen die Natur verstossen hat. Für einige dieser Strömungen ist der
Mensch schmutzig und verschmutzt aus diesem Grund die Natur. Ihrer Ansicht nach wäre es
besser gewesen, die Medizin wäre im Kampf gegen die Krankheiten und für die
Verlängerung des Lebens weniger erfolgreich gewesen. Sie proklamieren hysterisch:
"Die Erde zuerst!" und erinnern damit an Parolen des Nationalsozialismus. Es ist
nur ein kleiner Schritt von dieser Fehleinschätzung zur Diskriminierung von ganzen
Kulturen, die die Natur verseuchen, oder von Ausländern, die die Umwelt verunreinigen.
Auch diese Strömungen sind dem Anti-Humanismus zuzurechnen, da sie im Grunde den Menschen
verachten. Die geistigen Väter dieser Strömungen verachten sich selbst und spiegeln die
nihilistischen und selbstmörderischen Tendenzen wider, die heutzutage in Mode gekommen
sind.
Ein feinfühliger Teil der Bevölkerung schliesst sich der ökologischen Strömung an,
weil er das schwerwiegende Problem versteht, das diese anklagt. Wenn diese ökologische
Strömung den notwendigen humanistischen Charakter annimmt, wird sie gegen die Verursacher
dieser Katastrophe kämpfen, nämlich gegen das Grosskapital und die Kette von
zerstörerischen Industrien und Unternehmen, die in direkter Beziehung zum
militärisch-industriellen Komplex stehen. Noch vor eventuellen Aktionen zum Schutz der
Seehunde sollte eine bewusste Ökologie dem Hunger, der Übervölkerung, der
Säuglingssterblichkeit, den Krankheiten, der mangelhaften sanitären Versorgung und der
Wohnungsnot in vielen Teilen der Welt die Stirn bieten. Sie wird dabei die Brücke zum
Thema der Arbeitslosigkeit, der Ausbeutung, des Rassismus, der Diskriminierung und der
Intoleranz in einer technologisch hochentwickelten Welt schlagen - einer Welt, die eben
durch irrationales Wachstum das weltweite ökologische Ungleichgewicht verursacht.
Es ist nicht nötig, sich zu sehr in der Betrachtung der rechtsgerichteten
Gruppierungen als politischer Instrumente des Anti-Humanismus zu ergehen. Ihre
Verlogenheit gipfelt darin, dass sie sich gelegentlich als Repräsentanten des Humanismus
ausgeben. In diese Sparte fallen auch die schlauen Pfaffen, die versucht haben, auf der
Grundlage eines lächerlichen "theozentrischen Humanismus" zu theoretisieren.
Diese Leute, die die Erfinder der Religionskriege und der Inquisitionen waren, diese
Leute, die die Henker der historischen Väter des abendländischen Humanismus waren, haben
sich die Tugenden ihrer Opfer nachträglich angeeignet und es fertiggebracht, den
historischen Humanisten ihre "Irrtümer" zu verzeihen. Die Unaufrichtigkeit und
vorsätzliche Verfälschung der Terminologie geht sogar so weit, dass die Vertreter des
Anti-Humanismus versuchen, unter dem Deckmantel des Humanismus aufzutreten.
Es ist ein Ding der Unmöglichkeit, die Mittel, Instrumente, Formen und Ausdrücke
aufzulisten, derer sich der Anti-Humanismus bedient. Eine Aufklärung hinsichtlich dieser
hinterhältigen Tendenzen des Anti-Humanismus ist aber in jedem Fall von Nutzen, damit
spontane oder naive Humanisten ihre Konzepte und die Bedeutung ihres sozialen Handelns
überprüfen können.
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7. Die humanistischen Aktionsfronten
Der Humanismus organisiert Aktionsfronten im Bereich der Arbeit, des Wohnens,
der Gewerkschaften, der Politik und der Kultur mit der Absicht, immer mehr den Charakter
einer sozialen Bewegung anzunehmen. Dadurch schafft er die Voraussetzungen, damit die
verschiedenen fortschrittlichen Kräfte, Gruppen und Individuen im Rahmen dieser Strömung
aktiv werden können, ohne dabei ihre Identität oder ihre Besonderheiten zu verlieren.
Das Ziel einer solchen Bewegung ist es, die Vereinigung der Kräfte zu fördern, denen es
möglich ist, die Bevölkerung zunehmend zu beeinflussen, um ihre Handlung in Richtung
einer sozialen Veränderung auszurichten.
Die Humanisten sind weder naiv, noch erstarren sie verzückt in Erklärungen, die
typisch für romantische Epochen sind. In diesem Sinne verstehen sie ihren Vorschlag nicht
als den fortschrittlichsten Ausdruck des sozialen Bewusstseins und sehen auch ihre
Organisation nicht als über jede Kritik erhaben an. Die Humanisten geben nicht vor,
Repräsentanten einer Mehrheit zu sein. Aber sie handeln in Übereinstimmung mit dem, was
ihnen am gerechtesten erscheint. Sie beabsichtigen die Veränderungen, die ihnen für
diesen Moment, in dem sie leben, möglich und notwendig erscheinen.
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